Eine Theaterstunde

Alle Gruppenkinder des Dorfkindergartens Marzahn freuen sich, denn das Theaterprojekt wird von Kindergarten und Förderverein weiterhin unterstützt und läuft deshalb bis Ende Februar weiter.
Und so sieht eine Theaterstunde im Dorfkindergarten aus (die selbstverständlich nach Alter und Fähigkeiten der kleinen Schauspieler angepasst wird):
9.35 Uhr
Ich betrete das kleine Foyer des Dorfkindergartens mit einigen Taschen, die meine Breite doppeln, denn – obwohl wir sehr wenig Requisiten im Theaterspiel nutzen, um so viel Fantasie wie möglich den Kindern zu entlocken – meistens befindet sich Kali oder Lisa in einem der Beutel. Kali, der rotgetigerte Kater, und Lisa, ein Mädchen mit rotgeringeltem Pullover, sind meine Begleiter in den Theatereinheiten.
9.37 Uhr
Etliche Kinder strömen in die Garderoben, überall ist „Sophie, Sophie!“ zu hören und ich bekomme den einen oder anderen Zauberbonbon angeboten.
9.39 Uhr
Wilde Löwen brüllen mich von ihrem Käfig in Form einer roten Bank an und müssen von ihren Gruppenerzieherinnen gebändigt werden: „Wir gehen gleich zu Sophie. Erst ziehen wir uns fertig an.“
9.45 Uhr
Im Gemeinderaum angekommen sind 50 Stühle umzustellen. Zum Spielen brauchen wir Platz – die Fantasie Raum. Tücher werden bereitgelegt, Matten in der Mitte des Raumes verteilt und ein kleiner, roséfarbener Stein in der Nähe der Matten versteckt.
9.58 Uhr
Zwölf bis sechszehn (meistens) gut gelaunte Kinder erobern den Raum und nehmen nach dem Ausziehen schon selbstständig um die Matten, unsere Bühne, herum Platz.
10.03 Uhr
Wir singen unser Begrüßungslied:
Wir wollen uns begrüßen und stampfen mit den Füßen
und klatschen in die Hand und haben gleich erkannt:
… ist da!
… na klar!
Und … wie wunderbar!

Jedes anwesende Kind und jeder Erwachsene und manchmal auch der Weihnachtsbaum, Kali oder Lisa werden namentlich aufgeführt. Das Strahlen der Kinder in diesen ersten Minuten, das besonders in Erscheinung tritt, wenn gemeinsam der eigene Name gesungen wird, ist unbezahlbar.
10.05 Uhr
Je nachdem, welches Thema in der jeweiligen Gruppe momentan von Belang ist, spielen wir ein bis drei Theaterspiele, die das Sujet aufgreifen.
Zum Beispiel positioniere ich in der Mitte der Matten einige imaginierte Zauberbonbons und kommentiere dies. Unhöflicherweise stecke ich mir auch den ersten Bonbon in den Mund, reibe genüsslich meinen Bauch, streiche den Mund mit der Zunge aus und summe meinen Resonanzton. Anschließend erkläre ich mein „mmmh“, indem ich ausführe, wonach mein Bonbon geschmeckt hat. Die kleinen Schauspieler werden ebenfalls gebeten, sich einen erdachten Bonbon zu nehmen. Auf drei wird er in den Mund gesteckt gesummt, gekostet, mit der Zunge hin- und hergeschoben. Jedes Kind wurde entweder zuvor gefragt, welche Farbe der Bonbon hatte, oder es wird nun gefragt, wonach der Bonbon schmeckt.
In der nächsten Runde haben die Bonbons kein Geschmack, sondern sie zaubern uns, Bonbon für Bonbon, Gefühle ins Gesicht. Mal sind wir nach dem Lutschen lustig, mal wütend, mal traurig, fröhlich oder müde. Das Gefühl kann nun wieder verschwinden, indem entweder der Bonbon verschluckt oder er aus dem Mund herausgenommen und vor sich gelegt wird. In jedem Fall streichen wir anschließend das Gesicht aus und sind dann wieder „ganz normal gelaunt“. Viele Kinder erzählen dabei, warum sie fröhlich, sauer oder traurig sind.
Das Bonbonspiel ist flexibel und sehr anregend für die Kinder.
10.10 Uhr
Ich verrate den Kindern, dass wir heute eine Reise unternehmen und in den Urlaub fahren. Ich zeige ihnen den ausgedachten Koffer in unserer Mitte mit seiner Umrandung und öffne den imaginierten Deckel. Jedes Kind darf sagen und zeigen, was es in den Urlaub mitnehmen möchte und auch die Erwachsenen müssen beweisen, dass ihr Wunschobjekt funktioniert, bevor es im Gepäck seinen Platz findet. Der bunte Koffer beinhaltet dann meistens alles Mögliche: Dinobücher, Mützen, Decken, eine Katze, einen Helm…
Ist der Koffer gepackt, muss er verschlossen werden. Da er dermaßen vollgestopft ist, müssen natürlich alle zusammen kräftig auf den Deckel drücken, bis er endlich schließt.
10.17 Uhr
Der Koffer wird in das Deckenauto geladen. Nachdem ich den Kindern gezeigt habe, wo sich die Türen sowie Sitze unseres Deckenautos befinden, nimmt jeder Platz. Die Kinder schnallen sich vorbildlich an, bevor man sie dazu auffordern möchte und berichten dann stolz, dass sie schon lange vor den Erzieherinnen und Sophie angeschnallt waren. Das Kind vorne links ist der Fahrer und darf – nachdem die Türen verschlossen sind – das Fahrzeug starten. Alle Kinder stimmen in das Rucken und Poltern ein, welches die Landstraße beim Fahren auf unseren Sitzen verursacht. Nur leider findet sich dort der erste Stau…zur Überbrückung singen wir zusammen unser Lieblingslied und schon geht die Reise weiter.
Unser Auto hat eine Panne. Weil wir aber über viele Fachfrauen und –männer verfügen, ist der Schaden schnell repariert und die Reise kann fortgesetzt werden.
Einmal hört ein Junge ein Polizeiauto, das an uns vorübersaust.
Als wir ankommen, schnallen wir uns ab. Was gibt es hier nicht alles zu entdecken?
Tiere? Das Meer?
10.25 Uhr
Wahlweise werden bunte Chiffontücher verteilt, die nach dem erfrischenden Bad im Meer zum Abtrocknen dienen. Jedes Kind hat vorher natürlich geäußert, welche Farbe sein Handtuch besitzt.
Oder wir sind zu Gast bei Lisa, die uns Kuchen anbietet, den wir mit Freuden vernaschen.
Oder wir sind auf einer Pferderanch und galoppieren über Wiesen.
Die Kinder wissen meistens sehr genau, wohin die Reise sie geführt hat und akzeptieren auch die guten Vorschläge der anderen.
10.30 Uhr
Wir müssen schnell zurück nach Marzahn fahren. Bald gibt es Mittag.
10.33 Uhr
Abschlussrunde: Mit dem Erzählstein und Lisa oder Kali an der Seite erzählt jedes Kind, was ihm heute gefallen / nicht gefallen hat. Dabei darf nur derjenige sprechen, der den Erzählstein in der Hand hält. Die Kinder lernen ihre Präferenzen zu artikulieren, hören sich zu und akzeptieren andere Meinungen. Den kleinen Schauspielern entsprechend hört man aber oft Urteile solcherart, die verraten, dass sie noch ganz im Fantasiespiel verharren: „Mir war nicht schön, dass das Krokodil mich gebissen hat.“
10.38 Uhr
Zeit für unser Abschlusslied:
Unsere Stunde ist jetzt aus.
Alle gehen jetzt hier raus.
Wollen ‘was gemeinsam machen:
singen, spielen, lachen!
10.39 Uhr
Alle Schauspieler legen ihre Hände in die Mitte und rufen „uuuuuuuund“ – wenn die Hände dann raketenartig in die Höhe schnellen – „Tschüss!“
10.40 Uhr
Alle ziehen sich an, wobei oft noch eines der Lieder, welche außer des Anfangs- und Endliedes, immer Teil der Stunde sind, angestimmt wird.

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LisaUndKind

KaliundKinder

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